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?Es geht immer um den gegebenen Raum. Der Raum entscheidet über alles.“ INTERVIEW mit Kai Richter

Gelbe Doka-Tr?gerbalken ragen in den Raum, durchsto?en eine Gipswand. Daneben eine Konstruktion aus Gerüstteilen. Ein verschalter Bogen scheint darauf zu warten ausgegossen zu werden. Was aussieht, wie eine Baustelle, ist eine Ausstellung in der K?lner Galerie Christian Lethert, die neue Arbeiten von Kai Richter zeigt.

Follow the Law of Gravity, Dokabalken 360 x 330 x 112 cm,  2009

Follow the Law of Gravity, Dokabalken 360 x 330 x 112 cm, 2009

Der Düsseldorfer Künstler arbeitet mit typischen Baumaterialien, mit Brettern, Metallelementen, Gerüst-Teilen und den charakteristischen gelben Doka-Tr?gern. Aus diesen errichtet er imposante und dabei doch fragil wirkende Skulpturen, die oft buchst?blich aus dem Raum heraus entstehen: Richter besch?ftigt sich intensiv mit den R?umen, in denen seine Arbeiten entstehen und baut in Reaktion auf die und mit den besonderen Gegebenheiten, die er vorfindet.

Seine Ausstellung „Break through the Lines“ in der Galerie Lethert ist noch bis Ende August (verl?ngert!) zu sehen.

Im Interview mit deconarch.com spricht Kai Richter darüber, warum er gerade mit diesen Materialien ?baut“, wie seine Raum-Arbeiten entstehen und warum gerade Marlene Dietrich ein Vorbild für ihn ist.

all illus. (c) Kai Richter, www.kairichter.eu

INTERVIEW

In deinen Skulpturen arbeitest du vor allem mit typischen ?Baumaterialien“ wie Doka-Tr?gern oder Gerüstelementen. Warum gerade diese Materialien?

Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln

Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln

Baumaterial eignet sich, ganz simpel gesagt, sehr gut zum Bauen. Das konstruktive Potential im Material kommt mir sehr entgegen. Es wird im Alltag genau dafür gebraucht.

Zum Baumaterial bin über einen einfachen Gedankengang über Architektur gekommen: Wenn man Architektur w?hrend der Bauphase beobachtet, kann man sehen, wie sie sich jeden Tag ver?ndert. Bauarbeiter folgen in dieser Phase einem konstruktiven Plan, um ein Geb?ude aufzubauen.

Der Architekt bestimmt die Erscheinung, die Au?enhaut des Geb?udes, also die Zeit vom Aufbau bis zum Abriss. Fertige Architektur zeigt in der Regel, wann sie gebaut wurde. Der Aufbau und der Abriss selbst hingegen sind ?zeitlos“, denn da wird es praktisch, die Fragestellungen sind konstruktiv und nicht dekorativ.

Das hei?t, dich interessiert besonders der Entstehungsprozess von Bauten, also gewisserma?en das Dynamische in der Architektur, die ja, wenn sie dann fertig ist, mehr oder weniger statisch ist und sich nicht mehr wirklich ver?ndert?

Eine Skulptur im Raum, einmal aufgebaut, behauptet sich ja nicht durch st?ndiges Umbauen. Jedenfalls nicht bei mir. Für die Zeit der Ausstellung bleibt sie eine Behauptung, festgefügt. Genau wie bei fertiger Architektur. Abbau oder Abriss sind immer die Grenze. Im Ausstellungsbetrieb sind die Grenzen aber deutlich kürzer.

Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln

Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln

Man kann die Bauphase eines Geb?udes, die Dynamik, die Ver?nderungen, die L?sungen der Arbeiter nicht auf die Kunst übertragen. Die R?ume werden ja erst gebaut.

Mich interessieren die Raumfragen in Bezug auf die M?glichkeiten der Skulptur.

Ulrich Coersmeier hat in einem Text über mich geschrieben: ?Der Architekt betritt den Raum, sieht Architektur, ist verwirrt, der sonst gesuchte Perfektionismus spielt ebenso wenig eine Rolle wie die Gestaltungsgesetze, die er seinen Studenten zu vermitteln sucht – grenzwertige Architektur? Grenze zwischen Architektur und der anderen, der freien Kunst? Oder verdr?ngtes Potential der Architektur. Fragen dr?ngen sich auf.“ (Ulrich Coersmeier in: zweigeschossig, Kai Richter, 2006)

Und warum ?baust“ du? Oder anders gefragt: Warum Skulptur?

Warum baue ich? Das Physische beim ?Bauen“ ist wichtig – meine K?rpergr??e, komme ich an bestimmte Stellen oder ist mein Arm doch zu kurz? Ist das Material zu schwer, um es an den vorgesehen Ort zu platzieren? H?lt das überhaupt? Das direkt Emotionale spielt eine wesentliche Rolle.

Ich gehe mit einem genau durchdachten Plan in R?ume. Positiv ist es, wenn ich L?sungen finde, die ich beim Planen noch nicht denken konnte.

zweigeschossig, 2006, Installation in der Fuhrwerkswaage, K?ln

zweigeschossig, 2006, Installation in der Fuhrwerkswaage, K?ln

Aber vielleicht ergeben sich irgendwann sp?ter andere Fragestellungen? Fotografie und Zeichnung wiederum nutze ich, ich zeige sie nur nicht, weil ich mit dem Bauen direkter zum Ziel komme, und für mich Gedankenstützen sind.

Zur Skulptur bin ich über die Besch?ftigung mit Kunst gekommen, ich glaube, ?Entwicklung“ ist ein guter Begriff dafür. Vor allem ist es immer Neugierde, die mich motiviert. Raumfragen. Darüber hinaus kann ich durch die skulpturale Arbeit visuell denken, das hei?t zu L?sungen kommen, die ich vorher nicht denken konnte. Ein Wechselspiel zwischen dem Denken und der praktischen Arbeit.

Kannst du diese Entwicklung, von der du sprichst, etwas n?her beschreiben?

Es ist schwer, so einen Prozess zu umschreiben. Skulptur hat mir immer etwas vermittelt, es gibt aber keinen bestimmten Punkt, an dem ich mich bewusst dafür entschieden h?tte. Da kam eine Fragestellung zur n?chsten. Frühe Arbeiten von mir hatten kinetische Wurzeln, mich interessierte die Bewegung, das st?ndige Ver?ndern im System. Ich denke, eine L?sung hat bei mir einfach eine neue Fragestellung aufgeworfen. Solange das nicht endet mache ich weiter.

Warum Kunst? Welche M?glichkeiten bietet dir die künstlerische Arbeit?

Der erste Bildungsweg lief bei mir beschwerlich. So musste ich mit 15 eine Lehre als Industrie-Mechaniker absolvieren. Um der Situation zu entgehen, habe ich dann sp?ter die Schule durch den zweiten Bildungsweg nachgeholt. Soweit ich mich erinnere, dachte ich, dass es in der Fabrik keine Kunst gibt, würde ich Kunst machen, w?re ich woanders. Naiv, aber es hat funktioniert. Jedenfalls ist mir der Wille zur Skulptur geblieben. Nach einem sp?ten Abitur kam ich zur Kunstakademie.

"durchgesto?en" (Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln)

„durchgesto?en“ (Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln)

Wie ist dein Arbeitsprozess? Wie entsteht eine Arbeit – etwa ?durchgesto?en“, die aktuell in der Galerie Christian Lethert in K?ln zu sehen ist und für die tats?chlich mit Doka-Tr?gern eine Wand durchsto?en wurde.

Der Raum ist die Ausgangslage. Mit meinen M?glichkeiten baue ich in ihn hinein. Für mich ist der leere oder der gegebene Raum voll. So entstehen meine Skulpturen, raumbezogen.

Die Arbeit ?durchgesto?en“ beispielsweise hat mit der Fragestellung zu tun, ob eine Skulptur auch Aussagen über zwei R?ume gleichzeitig machen kann. Um Aussagen über zwei R?ume machen zu k?nnen, habe ich die Wand der Galerie durchgesto?en und beide R?ume mit einer Skulptur besetzt.

Ich schaue mir den Raum lange an. Da hilft es nicht zu zeichnen oder ein Modell zu bauen. Eine Arbeit wie ?durchgesto?en“ muss in einem Zug sitzen. Diesen Prozess kann man nicht zeichnen, nicht mit einem Modell kontrollieren. Da muss man sich im konkreten Raum sehr konzentrieren.

Zug, Collage

Zug, Collage

Trotzdem zeichnest du auch und fertigst Collagen …

Ich zeichne viel. Zeige die Zeichnungen aber wie die Fotos nicht. Für mich sind das Gedankenprothesen. Allerdings wertvolle Prothesen.

Collagen entstehen aus den Fotos meiner Arbeiten. So werde ich die Schwerkraft los. Das Material kann dann neu angeordnet werden, ohne den Bedingungen des realen Raumes folgen zu müssen. Man k?nnte das auch mit Fotoshop l?sen, allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich schneide mein Material mit dem Skalpell heraus, klebe es, überklebe es. Das Material bekommt Volumen. Es wirft Schatten, es biegt sich. Wird im zweidimensionalen Raum dreidimensional. Man k?nnte das Skalpell mit einer S?ge vergleichen, den Kleber mit Schrauben. Mit dem Rechner w?re ich zu weit entfernt, meine H?nde h?tten zu wenig Einfluss.

Wie findest du Motive und Themen?

Der Raum gibt alles vor! Er ist die bestimmende Kraft. Deshalb entstehen meine Arbeiten direkt im Raum. Die allermeisten würden nicht durch die Tür passen.

Anders mit meinen Modellen: In ihnen stelle ich Prognosen an für R?ume, die ich nicht kenne. Das bedeutet aber, dass man für die Umsetzung funktionierende R?ume erst noch finden müsste. Das ist mir bisher noch nicht gelungen. Aber vielleicht sieht ein Architekt mal ein Modell und baut den passenden Raum dafür!

Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln

Break through the Lines, 2013, Installation in der Galerie Christian Lethert, K?ln

Gibt es Vorbilder? Inspirationen?

Das muss ich Nachdenken. Aber der Lebensweg von Marlene Dietrich ist für mich beispielhaft!

Marlene Dietrich? Das überrascht an dieser Stelle!

Dietrichs Haltung im dritten Reich zum Beispiel. Dass sie G?bbels eine Absage erteilt hatte, obwohl ihre Karriere in den USA in ungünstiges Fahrwasser geraten war. Das ist, wie ich finde, ex post betrachtet, eine Leistung. Das hat damals nicht jeder hinbekommen. Das gilt auch für heute. Deshalb steht ihre Leistung nicht nur für erfolgreiche Unterhaltung, sondern auch für ein anderes Deutschland.

Kai, herzlichen Dank, dass du uns an deiner Arbeit teil haben l?sst!

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